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Diskussionsbeitrag: Besteht Bedarf für das Verkehrsicherheitsaudit in Berlin ? 

      Einige Mitglieder des GRSA e.V. arbeiten und leben in Berlin. Naturgemäß beobachten wir, was sich in Hinsicht Verkehrssicherheit in Berlin tut. Wir denken, nicht genug. Sicher haben Senat und Bezirksverwaltungen in Hinsicht auf das Verkehrswesen viele andere Probleme: Öffentlicher Personennahverkehr, Straßenschäden, mangelndes Investitionsvolumen etc.. Im Jahr 2005 hat der Senat ein Verkehrssicherheitsprogramm „Berlin sicher mobil“ verabschiedet. In diesem werden auch Pilotanwendungen des Verkehrssicherheitsaudits im Handlungsfeld „Infrastruktur“ als „Therapie“ vorgesehen. Dazu wurden auch einige Mitarbeiter der Verwaltung für das Audit geschult. Wir sehen das Audit von Planungen unbedingt als präventive Maßnahme an zur Verbesserung der Verkehrssicherheit an... Leider ist eine flächendeckende Anwendung nicht in Sicht.  

      Es ist uns unverständlich, warum das seit 2002 (mittlerweile seit 10 Jahren) in Deutschland eingeführte Verkehrssicherheitsaudit für Planungen nicht angewendet wird. Aus unserer Sicht ist es weiterhin notwendig, Defizite der Planung durch das Audit bestehender Verkehrsanlagen zu heilen. Drei typischen Verkehrsunfälle mit Todesfolge sollen den dringenden Bedarf aufzeigen:


- Tödlicher Radfahrunfall 

Im Jahr 2010 wurde eine Radfahrerin durch einen rechts abbiegenden LKW am Knotenpunkt Wegedornstraße / Ernst-Ruska-Ufer getötet. Leider ein typisches Unfallgeschehen.

 

Der Knotenpunkt wurde bis 2006 in der bestehenden Form neu errichtet. Im Seitenbereich werden Flächen von Radfahrern genutzt. Eine Beschilderung mit dem Verkehrszeichen "Radweg" und damit eine Benutzungspflicht besteht nicht. Es ist sicher unstrittig, dass sich durch einen sogenannten „Vorlauf“ für Radfahrer die Risiken für die Rechtsabbiegerkollisionen verringern lassen. Dies ist deshalb in den Regelwerken seit längerem vorgesehen. Am Knotenpunkt sind weder verkehrstechnische (separater Radfahrer-Signalgeber mit signalisierter Vorlaufzeit), noch ausreichende markierungstechnische (vorgezogene Haltelinie) vorgesehen. Im gesamten Umfeld sind die Radfahr-Haltelinien nur ca. 1m vorgezogen, im Regelwerk werden 3 bis 4 m als notwendig angegeben. Wir sind uns sicher, dass ein Audit diese Defizite aufgedeckt hätte und bei ihrer Abstellung der Unfall vielleicht vermieden worden wäre.

  - Beispiel: Motorradunfall

Nur ca. 150 m entfernt ereignete sich im Herbst 2011 ein tödlicher Unfall zwischen einem abbiegenden PKW und einem Motorradfahrer.

 

      Die stark befahrene vierstreifige Hauptverkehrsstraße Ernst- Ruska-Ufer ist ein wichtiger Zubringer zur BAB 113.  Die Straße wurde mit der Fertigstellung der AS Berlin-Adlershof 2006 in Betrieb genommen.Wie auf dem Foto erkennbar, ist kein Mittelstreifen zur Trennung der Fahrtrichtungen vorhanden. An der Albert-Einstein-Straße ist das Abbiegen nach links möglich. Dort kam es zu einem tödlichen Verkehrsunfall, weil ein abbiegender PKW mit einem, bevorrechtigten in Richtung BAB fahrenden, Kradfahrer kollidierte. 

      Im Rahmen eines Verkehrssicherheitsaudits wäre die Gestaltung des Knotenpunktes sicher ein Thema gewesen. Konkret besteht die Frage, ob die bestehende Situation ein sicheres Abbiegen ermöglicht. Durch die Vierstreifigkeit der Straße und das hohe Verkehrsaufkommen bestehen erhöhte Risiken bei Abbiegevorgängen. Durch die Verschwenkung der Trasse im weiteren Verlauf kann es zudem zu Sichtbehinderungen kommen, da sich Fahrzeuge gegenseitig verdecken.


- Beispiel: Fußgänger getötet

An der Rudower Straße ist ein Autohaus angesiedelt. Die Besonderheit besteht darin, dass sich das Betriebsgelände beiderseitig der hoch belasteten Hauptverkehrsstraße ausdehnt. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Ein- und Abbiegevorgänge sowie auch intensiven kreuzenden Verkehr.  

Es queren auch zahlreiche Fußgänger die Straße (Kunden und Personal). Vor einigen Jahren wurde ein Angestellter beim Überqueren der Straße tödlich verletzt.

 

 

Das Unfallgeschehen ist für derartige Situationen nicht untypisch. Es gilt für querende Fußgänger der Grundsatz „Sehen und Gesehen werden“.  

Durch das beidseitige Parken ist die Sicht stark behindert. Es ist davon auszugehen, dass Kraftfahrer in erster Linie  eine hohe Aufmerksamkeit der Vermeidung von Kollisionen mit parkenden und entgegenkommenden Fahrzeugen widmen. 

Diese Situation ist kein klassisches Thema des Verkehrssicherheitsaudits. Sie hat sich wahrscheinlich Schritt für Schritt aus dem Bestand entwickelt, wahrscheinlich wurde nie eine fachkundige Planung der komplexen Situation vorgenommen.

Die genannten Beispiele zeigen aus unserer Sicht die Berechtigung des Verkehrssicherheitsaudits sowohl für die Planung als auch für bestehende Straßen. Hier kann mit geringem Aufwand viel für die Erhöhung der Verkehrssicherheit erreicht werden.